In der aktuellen Debatte um Plattformarbeit wird mancherorts ein pauschales Direktanstellungsgebot für plattformvermittelte Essenslieferungen gefordert. Die Motivation dahinter ist nachvollziehbar: Arbeitsbedingungen müssen fair sein. Doch die vorgeschlagene Lösung würde das eigentliche Ziel verfehlen – und zugleich Restaurants, Kunden und Kuriere benachteiligen, gerade dort, wo das Angebot am dringendsten gebraucht wird.
Als digitale Bestellplattform verbindet Lieferando über 48.000 Restaurants und Händler mit Millionen von Kunden, darunter auch ältere und bewegungseingeschränkte Menschen. Viele unserer Partnerrestaurants liefern mit eigenen Kurieren – eine unternehmerische Entscheidung, die wir unterstützen. Wer das nicht möchte oder kann, den unterstützt Lieferando bei der Auslieferung.
Für Lieferando gilt: Wir arbeiten nur mit regulär angestellten Kurieren. Und zwar auf zwei Wegen: Die meisten sind bei unserer Schwestergesellschaft Takeaway Express angestellt. In Gebieten, in denen eine hausinterne Flotte für ausschließlich die eigenen Bestellungen nicht tragfähig ist, beauftragt unser Bestellmarktplatz auch andere Logistikunternehmen, die ihre Kuriere ebenfalls anstellen. Für sie gelten ebenfalls klare Regeln und das deutsche Arbeitsrecht. Alles andere akzeptieren wir nicht. Diese arbeitsteilige Spezialisierung ist nicht kosteneffizient zu Lasten der Beschäftigten. Vielmehr ist sie eine wirtschaftliche Notwendigkeit, auch in anderen Branchen und Logistikbereichen üblich – sowie Grundlage von Jobs und guten Arbeitsbedingungen.
Warum? Weil sich ein eigener, vollintegrierter Lieferdienst nicht immer und überall nachhaltig betreiben lässt. In Randlagen, außerhalb von Stoßzeiten oder bei stark schwankenden Bestellzahlen wäre eine eigene Lieferflotte schlicht unwirtschaftlich. Niemand kann für 3-4 Bestellungen am Tag mindestens zwei Kuriere von 8-23 Uhr stellen. Hier ermöglichen spezialisierte Logistikdienstleister, die für mehrere Auftraggeber arbeiten, überhaupt erst einen funktionierende Zustellung. Unterschiedliche, teils konkurrierende Auftraggeber, verschaffen ihnen zusammengenommen weit mehr Aufträge. So lassen sich Aufträge effizient bündeln sowie Kapazitäten im Tages- und Wochenverlauf flexibler auslasten. All das ermöglicht Arbeitsplätze, die sonst gar nicht dauerhaft existieren könnten. Und es erleichtert sozialversicherungspflichtige Vollzeitanstellungen.
Ein pauschales Direktanstellungsgebot für plattformbasierte Essenslieferungen würde diese arbeitsteilige Struktur zerstören. Die Folge: Außerhalb hochfrequentierter Innenstädte oder Wohnviertel müssten Lieferdienste ihren Service einstellen, weil sie keine Chance auf ausreichend Betrieb hätten. Für Restaurants und stationäre Händler entfiele ein wichtiger Vertriebskanal, Kunden müssten auf Lieferungen verzichten – und die Arbeitsplätze vor Ort würden unter Druck geraten. Kleinstädte, Randgebiete sowie spezielle Servicezeit-Anforderungen in Großstädten ließen sich nicht mehr kundengerecht bedienen.
Der entfallende Außer-Haus-Verkauf träfe besonders kleine und mittelständische Gastronomiebetriebe, die nicht über die Ressourcen verfügen, einen eigenen Lieferdienst aufzubauen. Sie sind auf flexible, professionelle, gemeinsam nutzbare Logistiklösungen angewiesen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Die medial fokussierten Probleme – Scheinselbstständigkeit, Lohndumping, mangelnder Arbeitsschutz – sind bereits heute gesetzlich verboten. Wer sich nicht daran hält, handelt kriminell. Ein Pauschalverbot rechtskonformer Modelle für die Letzte-Meile-Logistik kann keine Lösung sein. Stattdessen brauchen wir konsequente Kontrollen und klare Regeln, die für alle gelten. Und die nicht unterschiedliche Beschäftigungsmodelle vorschreiben, je nachdem, ob Verbraucher Essen, Lebensmittel, Arzneimittel oder Non-Food-Artikel bestellt haben.
Lieferando geht hier mit gutem Beispiel voran: Wir sind der einzige große Player in Deutschland, der tausende Fahrer direkt und sozialversicherungspflichtig bei einer Schwestergesellschaft für Logistik anstellt. In Gebieten, wo wir auf andere Logistikdienstleister zurückgreifen, gelten strenge vertragliche Verpflichtungen: Mindestlohn, Sozialversicherung, Arbeitsschutz. Solche und weitere Voraussetzungen prüfen wir schon vorab, weit über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. Wir kontrollieren regelmäßig durch Audits, Abrechnungskontrollen, unangekündigte Besuche und Befragungen von Kurieren, ob diese Standards eingehalten werden.
Wir befürworten seit Jahren die EU-Plattformarbeitsrichtlinie, die Arbeitsstandards bei Plattformen und Subunternehmern vereinheitlichen soll. Deutschland muss sie nun zügig umsetzen. Wir empfehlen ein Lizenzverfahren für Logistikdienstleister. Parallel dazu sind weitere Gesetze zur Schwarzarbeitsbekämpfung in Arbeit. Diese Maßnahmen zielen präzise auf die tatsächlichen Probleme ab, ohne funktionierende Geschäftsmodelle zu zerstören und legale Arbeitsplätze und Services zu gefährden.
Ein Direktanstellungsgebot für plattformbasierte Essenslieferdienste hingegen wäre die grobe Lösung für ein präziseres Problem. Es träfe nur einen winzigen Teil der Logistikbranche, schadet aber verantwortungsbewussten Unternehmen und ganzen Regionen, die von flexiblen Logistikmodellen profitieren. Es würde unabhängige Logistikunternehmen, die für verschiedene – große wie kleine – Unternehmenskunden ausliefern, die Anstellung eigener Kuriere verbieten.
Der Schaden eines solchen De-facto-Verbots der sogenannten Drittanbieter-Logistik (3PL) für die örtliche Gastronomie, ihre Mitarbeitenden, aber auch Einzelhändler und die Verbraucher wäre erheblich.
Wir setzen uns für ein Level Playing Field ein – für faire Wettbewerbsbedingungen, die für die gesamte Branche gelten.
Zugleich müssen wir den Spielraum erhalten, eine digitale Infrastruktur und spezialisierte Logistikdienstleister tragfähig zu kombinieren. Nur so können wir Restaurants und lokale Einzelhändler unterstützen, Kunden zuverlässig versorgen und Arbeitsplätze für Kuriere schaffen – auch dort, wo eine hauseigene Flotte nicht tragfähig wäre.